Die LIGA der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg und Frauenverbände schlagen Alarm: Frauenhäuser am Limit

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Corona-Krise macht Frauenhausplätze in Ausweichquartieren erforderlich

Stuttgart, 22. April 2020 – Die LIGA der freien Wohlfahrtspflege und Frauenverbände schlagen Alarm: Der akute Platzmangel in den Frauenhäusern in Baden-Württemberg sei in Zeiten von Corona nicht mehr zu verantworten! Zur Vermeidung von Infektionen unter Frauen und ihren Kindern seien zudem Ausweichquartiere dringend erforderlich. Die Verbände fordern, dazu vorübergehend die leerstehenden Hotels und Ferienwohnungen im Land zu nutzen. Die Finanzierung müsste vom Land in Absprache mit den Kommunalen Spitzenverbänden kurzfristig und rasch geregelt werden.

„Die Coronakrise trifft die Frauenhäuser mit doppelter Wucht. Sie müssen mit einem Anstieg häuslicher Gewalttaten und damit einer erhöhten Nachfrage nach Frauenhausplätzen rechnen. Außerdem sind Vorkehrungen zu treffen, um infizierte Bewohnerinnen, Risiko- und Verdachtspersonen im Notfall isolieren zu können. Das ist in der derzeitigen Situation ohne externe Ausweichquartiere nicht möglich“, erklärt Ursel Wolfgramm, Vorsitzende der Liga der freien Wohlfahrtspflege für Baden-Württemberg. „Die Frauenhäuser sind seit Jahren überbelegt. Frauen teilen sich mit ihren Kindern einen Raum und mit drei anderen Familien Küche und Bad. Da ist eine Kontaktvermeidung im Sinne von „Social distancing“ nicht durchführbar“, betont Wolfgramm. Eine Vollbelegung des Hauses ist nicht zu verantworten. Zum Erhalt von Schutzplätzen müssen Städte und Kommunen nun Ausweichquartiere zur Verfügung stellen. „Unzählige Hotels, Ferienwohnungen und Tagungsstätten stehen leer, beklagen Verluste und könnten genutzt werden“, betont Wolfgramm. Die LIGA habe bereits dem Ministerium für Soziales und Integration sowie den Kommunalen Landesverbänden die Problematik erläutert und Vorschläge einschließlich Berechnungen zur Finanzierung vorgelegt. Die Antwort stehe allerdings noch aus.

Die Dringlichkeit von Ausweichquartieren zeigen zwei derzeit bekannte Fälle von Covid-19 Erkrankungen in zwei Frauenhäusern. Die betroffenen Personen waren zur Diagnose und Erstbehandlung im Krankenhaus. Bei beiden wäre der Verlauf nicht so schwer gewesen, dass ein längerer Klinikaufenthalt bis zur Genesung notwendig gewesen wäre. Sie mussten dennoch bleiben, da die Frauenhäuser, in denen die Frauen lebten, über keinen Raum verfügten, um sie von der Gemeinschaft zu isolieren. „Wir waren sehr froh, dass das Krankenhaus die Möglichkeit hatte, die Frau zu behalten“, berichtete Ruth Syren, Leiterin des Frauenhauses Heckertstift. „Aber das kann natürlich keine Lösung sein! Leichte Fälle dürfen die Krankenhausbetten nicht blockieren. Wir wissen, dass die Zahl der schweren Erkrankungen in den nächsten Wochen zunehmen wird. Da wird jedes Bett gebraucht. Das Heckertstift wird nun einen Teil freiwerdender Zimmer nach Auszügen nicht wieder belegen“, so Syren.

Der Verein Frauen helfen Frauen in Calw konnte das Landratsamt bereits von der Notwendigkeit der Anmietung einer zusätzlichen Ferienwohnung zur Entzerrung der räumlichen Dichte überzeugen. „Wir stießen bei unserem Sozialdezernenten sofort auf Verständnis und offene Ohren. Der Landkreis geht in Vorleistung für die zusätzlichen Kosten einer Ferienwohnung, erwartet aber auch Unterstützung von Seiten des Landes“, berichtet Elena Fischer (Name geändert) vom Team des Frauenhauses.

Baden-Württemberg hat zwei Millionen zur Unterstützung der Frauenhäuser in der Krise angekündigt. Hierbei handelt es sich jedoch um reguläre Haushaltsmittel. Aus Sicht der Liga der freien Wohlfahrtspflege und der Frauenverbände wird dadurch der erhöhte Bedarf an Schutzräumen und das dazugehörige Personal keineswegs gedeckt. In der Krise trete die grundsätzliche Problematik der desolaten Frauenhausfinanzierung im Land besonders zu Tage: die Landesförderung sei im aktuellen Doppelhaushalt zwar erhöht worden, dennoch bleibe Baden-Württemberg eines der Schlusslichter im Bundesvergleich. „Die Fokussierung auf den uneinheitlich gestalteten Tagessatz, der zudem nicht für alle Frauen bezahlt wird, sondern nur für leistungsberechtigte, fällt den Frauenhäusern in dieser Krise ganz besonders auf die Füße. Wir fordern, dass das Land die Frauenhausfinanzierung nach der Krise grundlegend neu aufstellt“ fordert Wolfgramm.

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