Kinder suchtkranker Eltern brauchen Unterstützung

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Online Qualifizierungsmodul des Universitätsklinikums Ulm und des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes soll Fachleute sensibilisieren und das Hilfesystem vernetzen

Knapp drei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland haben mindestens einen suchtkranken Elternteil, davon 2,65 Millionen mit der Diagnose Alkoholmissbrauch oder – Abhängigkeit, 60.000 mit einem opiatabhängigen Elternteil und 37.500 bis 150.000 glücksspielsüchtige Eltern (Quelle: Sucht- und Drogenbericht der Bundesregierung 2017). Deshalb haben der Paritätische Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg und die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm für Fachkräfte aus dem Gesundheitssystem bzw. der Suchtberatung und der Kinder- und Jugendhilfe ein internetbasiertes Schulungsmodul entwickelt. So können mögliche Belastungen bzw. (Entwicklungs-)Gefährdungen der Kinder suchterkrankter Eltern schneller erkannt und sie durch die Vernetzung bestehender Angebotsstrukturen im Hilfesystem aufgefangen werden. In die Entwicklung wurden vier Suchtberatungsstellen an den Standorten Stuttgart, Mannheim, Rastatt und Tuttlingen einbezogen. Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert.

„Kinder suchtkranker Eltern sind häufig hoch belastet, verhalten sich aber nicht selten unauffällig. Die Gefahr ist groß, dass Hilfe und Unterstützung zu spät einsetzen. Um diese Kinder im Hilfesystem aufzufangen und bedarfsgerecht zu begleiten und zu stärken, ist eine geregelte Zusammenarbeit und Vernetzung der Fachkräfte  aus der Suchtberatung, der Kinder- und Jugendhilfe, dem medizinischen Sektor und aus weiteren kooperierenden und angrenzenden Arbeitsfeldern zukünftig von hoher Bedeutung“, betont Oliver Kaiser, Bereichsleitung Sucht- und Drogenhilfe beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg.

„Insbesondere Kinder sind darauf angewiesen, dass ihre Eltern emotional zuverlässig und verlässlich für sie da sind. Das neu entwickelte Curriculum schult Fachkräfte aus der Suchthilfe sowie der Kinder- und Jugendhilfe darin, Belastungen bzw. (Entwicklungs-) Gefährdungen von Kindern mit suchterkrankten Eltern sowie die elterlichen Erziehungskompetenzen systematisch im Blick zu haben“, erläutert Prof. Dr. Ute Ziegenhain, Leiterin der Sektion Pädagogik, Jugendhilfe, Bindungsforschung und Entwicklungspsychopathologie an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm. Ziel sei es, das Curriculum bundesweit zu implementieren, damit die flächendeckende Schulung der Fachkräfte auch regional möglich sein werde, so Prof. Ziegenhain.

„In den letzten Jahrzehnten ist auch in der Suchthilfe das Bewusstsein gestiegen, dass wir alle interdisziplinär und gut vernetzt zusammenarbeiten müssen. Schwangerschaften und Elternschaft bei Suchtkranken ist ein Paradebeispiel dafür. Wir haben auch mehr und mehr gelernt, dass die Betreuung dann nicht nur viel effektiver ist, sie macht den Beteiligten auch viel mehr Freude.

Und trotzdem ist das Suchtbehandlungssystem defizitär, was auch mit dem Phänomen sehr unterschiedlicher Sichtweisen einhergeht“, erläutert Dr. med. Albrecht Ulmer, Allgemeinmediziner in Stuttgart. „In dieser Hinsicht müssen und können wir noch viel besser werden. Aber wir können dankbar sein, dass es zunehmend sehr gute, professionelle Ansprechpartner gibt, mit denen wir gemeinsam um Lösungen ringen“, so Dr. Ulmer.

„In Stuttgart besteht seit längerem eine Kooperationsvereinbarung zum Kinderschutz (§8a SGBVIII) zwischen dem Jugendamt und den Suchthilfeträgern (Suchthilfeverbund). Dieses Projekt gab uns die Möglichkeit, die Erfahrungen zu vertiefen und auf der Praxisebene weiter zu entwickeln. Eine gute Gelegenheit für die Mitarbeiter_innen gegenseitig die jeweiligen Sicht- und Arbeitsweisen kennen und verstehen zu lernen“, erläutert Ulrike Ohnmeiß, Geschäftsführerin von Lagaya e.V. in Stuttgart. „Die betroffenen Familien und Kinder können sehr unterschiedliche Problemlagen und Bedürfnisse haben. Da wir in Stuttgart über eine breite Palette von Hilfsmöglichkeiten verfügen, sind wir in der Lage, diesen eine bedarfsgerechte und individuelle Unterstützung anzubieten. Für Mädchen beispielsweise gibt es das Beratungsangebot „Mädchen.Sucht.Auswege“. Umso wichtiger ist die gute Zusammenarbeit der verschiedenen Stellen, die sich mit diesem Thema befassen“, so Ohnmeiß.


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