Caritas: „Kein Grund zur Euphorie“

Drucken E-Mail

Zahlen bei Armutsgefährdung „tendenziös“ – 
Tatsächliche Lebenshaltungskosten im Land entscheidend

Keinen Grund zur Euphorie sieht der Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart angesichts der von Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) veröffentlichten Zahlen zur Armutsgefährdung in Baden-Württemberg. Lucha hatte am Mittwoch erklärt, die Armutsgefährdung sei in Baden-Württemberg mit 11,9 Prozent im Vergleich der Bundesländer am niedrigsten. Diese These könne jedoch nur aufrechterhalten werden, so die Caritas in einer am Freitag veröffentlichten Pressemeldung, wenn man das durchschnittlich in Deutschland verfügbare Einkommen, also den so genannten „Bundesmedian“, zugrunde lege. Tatsächlich sei jedoch der jeweilige Landesmedian für die Lebenssituation der Betroffenen entscheidend. Hohe Lebenshaltungskosten beispielsweise träfen arme Menschen ganz besonders. Hier vermittle der Bundesvergleich ein falsches, tendenziöses Bild, so die Caritas. 

In Deutschland gilt als arm, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. Allerdings müssten dabei auch die regionalen Unterschiede berücksichtigt werden. „Im Südwesten ist das vergleichsweise hohe Einkommens- und Preisniveau entscheidend“, so Caritas-Armutsexperte Heiner Heizmann. Berücksichtige man dies, so ergebe sich aus Zahlen des Statistischen Landesamtes für den Südwesten eine Armutsgefährdung von 15,3 Prozent. Mit diesem Wert liege das Land deutschlandweit im Mittelfeld. Lege man dagegen den Bundesmedian zugrunde, schöne man die Situation. 

Erschwerend käme für sozial schwache Menschen hinzu, dass die Höhe der Leistungen nach Hartz IV bundesweit einheitlich ist. „In keinem anderen Bundesland bekommen die Menschen für ihr Geld weniger als in Baden-Württemberg“, so Heizmann. Alleinerziehende in Ulm oder Freiburg könnten sich deutlich weniger leisten als etwa Alleinerziehende in Brandenburg. „Dies sollte uns beunruhigen. Euphorie ist hier fehl am Platze und wird den tatsächlichen Lebenslagen der Betroffenen nicht gerecht“, so Heiner Heizmann. Die Zahl von 325 000 armutsgefährdeten Kindern im Land spreche eine eindeutige Sprache. 

Gleichzeitig macht die Caritas auf den Zusammenhang zwischen mangelnder Bildung und späterem Einkommen aufmerksam. „Wir stellen immer wieder fest, dass Armut sich vererbt“, so Heizmann. Beim Zusammenhang von finanzieller Situation einer Familie und Bildungschancen der Kinder nehme Baden-Württemberg einen traurigen Spitzenplatz ein. Immer noch entschieden hier Einkommen und Bildung der Eltern maßgeblich über den Bildungserfolg ihrer Kinder. Daher müsse auf politischer Ebene früher und konsequenter gegengesteuert werden. Es sei zwar erfreulich, dass die Landesregierung Armutsprävention fördere – beispielsweise beim Kita-Ausbau –, doch müssten diese Angebote nachhaltig und flächendeckend sein. 

Auch das Schulsystem und die außerschulische Bildung müssten einkommensschwachen Familien und ihren Kindern eine echte Chance geben, so die Caritas. Zurzeit trenne das Schulsystem allerdings immer noch Arm und Reich stärker voneinander. „Dieses bereits seit langem bekannte strukturelle Problem kann nicht durch Projekte gelöst werden“, so Heiner Heizmann. Eine verantwortungsvolle Bildungspolitik und Armutsprävention erfordere vielmehr strukturelle Änderungen und massive Investitionen in das Bildungssystem.

Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg e.V.

Stauffenbergstraße 3
70173 Stuttgart
Tel  0711 / 619 67 - 0
Fax 0711 / 619 67 - 67