Pressekonferenz zur Liga-Stichtagserhebung 2016: Frauen und Männer in sozialer Ausgrenzung und Wohnungsnot – Erhebung im Hilfesystem nach §§ 67ff. SGB XII in Baden-Württemberg

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Personenzahl

Am Stichtag 2016 beträgt die Zahl der im Hilfesystem erfassten Frauen 3.230 und ist damit gegenüber 2015 um 3,1 Prozent gestiegen. Im Vergleich zum Stichtag im Jahr 2007 beträgt die Steigerung 52,8 Prozent. Diese Entwicklung in den vergangenen 10 Jahren bestätigt die Forderung nach dem Ausbau der frauenspezifischen Hilfen. Der Anteil in Relation zu wohnungslosen Männern beträgt 27 Prozent.

Wie von Expertinnen angenommen wird, lebt nur ein Teil von Frauen offen und sicht- bar wohnungslos auf der Straße bzw. in Einrichtungen unseres Hilfesystems. Ein wei- terer großer Anteil der Frauen lebt in verdeckter Wohnungslosigkeit, teilweise in pre- kären Abhängigkeitsverhältnissen bei „Beschützern“. Aus Scham verschleiern die Frauen ihre Not und versuchen sie aus eigener Kraft zu überwinden.

Anzahl der Einrichtungen

Von den 322 gezählten Einrichtungen stehen mittlerweile 10 Prozent (=32 Einrichtun- gen) ausschließlich Frauen zur Verfügung. 31 Prozent aller Frauen (1090) erhielten Hilfen in Fraueneinrichtungen, die verbleibenden 2.240 Frauen wurden am Stichtag in gemischtgeschlechtlichen Einrichtungen gezählt. Die Frauenquote beträgt jetzt dort 23 Prozent.

Bezogen auf die einzelnen Einrichtungsarten in Relation der Nutzung durch Frauen und Männer ist die höchste Frauenquote mit 37 Prozent in den Tagesstätten zu ver- zeichnen, die niedrigste mit 12 Prozent in den stationären Einrichtungen.

Bezogen auf die Altersgruppe der unter 25-Jährigen fällt auf, dass ca. die Hälfte aller jungen Frauen lediglich über die Tagesstätten erreicht werden kann.

Frauen müssen sich für einen Platz zum Schlafen in Situationen begeben, die von Ge- walt, materieller und nicht selten sexueller Abhängigkeit geprägt sind. Um ihren Hilfe- bedarf zu decken fehlen vor allem frauenspezifische Wohnangebote.

Regionale Verteilung

Lediglich in 11 der 44 Stadt- und Landkreise gibt es solitäre Hilfeangebote für Frauen und zwar 23 Einrichtungen in 5 Stadtkreisen und 9 Einrichtungen in 6 Landkreisen. Ausgehend von den am Stichtag gezählten Frauen gibt es aus Sicht der Liga UAG wohnungslose Frauen mindestens in 6 Landkreisen und 2 Stadtkreisen Handlungsbedarf zur Umsetzung von solitären Frauenangeboten, da dort am Stichtag mehr als 40 Frauen gezählt wurden.

Unterkunftssituation

16,4 Prozent der im Hilfesystem erfassten Frauen (Männer 12,3 Prozent) kommen bei Bekannten und Angehörigen unter. Ohne jegliche Unterkunft leben immerhin 3 Pro- zent aller gezählten Frauen auf der Straße.

Unterkunftsangebote in Facheinrichtungen erhielten 30,3 Prozent aller Männer aber nur 18,7 Prozent aller Frauen.

Wohnungslose Frauen befinden sich genauso häufig wie wohnungslose Männer in pre- kärer Notversorgung. Die Frauenquote am Stichtag betrug 27,4 Prozent (886 Frauen). Nicht alle Frauen können in den überwiegend männerdominierten Facheinrichtungen Hilfen annehmen. Nur 8 Prozent aller Frauen erhielten aber Hilfe in speziellen Frauen- wohnprojekten in Baden- Württemberg.

Alter

In der Altersgruppe unter 21 Jahren beträgt die Frauenquote 44 Prozent; bei allen Un- ter-25-Jährigen bei mittlerweile 37 Prozent; in der Altersgruppe ab 50 Jahre stieg der Frauenanteil auf 23 Prozent.

Handlungsbedarf

Zusammenfassend ist festzustellen, dass der steigenden Anzahl weiblicher Klientinnen in den Stadt- und Landkreisen immer noch nicht ausreichend frauenspezifische Ange- bote gegenüberstehen. Frauen haben einen anderen Hilfebedarf als Männer. Dieser besondere Hilfebedarf muss gesehen und sichergestellt werden. Frauen brauchen be- sonderen Schutz und besondere Unterstützung in der Verarbeitung von Gewalterfah- rungen, psychischen Beeinträchtigungen sowie spezifische Integrationshilfen in den Arbeitsmarkt. Diese Bedarfe erfordern insbesondere auch geeignete Betreuungsleis- tungen. Niederschwellige Angebote, sowie insbesondere spezifische Wohnangebote sind nicht ausreichend vorhanden.

In der örtlichen Sozialplanung müssen Angebote für Frauen mit Unterstützung von Landesinvestitionsmittel konsequent umgesetzt werden. Niederschwellige Angebote, sowie insbesondere spezifische Wohnangebote für Frauen sind nicht ausreichend vor- handen. In den Planungen sind die Bedarfe der im Verhältnis hohen Zahl junger Frau- en, sowie die Situation von wohnungslosen Frauen mit Kindern, als auch mit Partner/- innen zu berücksichtigen.

Susanne Graf

Liga Unterausschuss Straffälligenhilfe / Wohnungslosenhilfe
AGJ Fachverband für Prävention und Rehabilitation in der Erzdiözese Freiburg e.V. Leitung der AGJ Wohnungslosenhilfe im Landkreis Konstanz 


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